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Berliner Gazette
Wasserwissen
published on Augsut 5, 09
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Aquarium ueberwunden?

Kunst ist ein Prozess und wir sind mittendrin
Susanne Jaschko

Dies vorweg: Ich mag kein Wasser. Oder vielleicht sollte ich spezifizieren: Ich mag kein kaltes Wasser. Und von dieser Regel gibt es nur eine einzige Ausnahme: Wenn ich aus der Sauna komme. Das ist der einzige Moment, in dem ich kaltes Wasser auf meiner Haut toleriere. Ansonsten scheue ich kaltes Wasser wie der Teufel das Weihwasser, und das ist schliesslich auch kalt. Warmes Wasser hingegen ist pure Therapie.

Schlechte Gedanken, Wolken im Kopf, ein unbestimmtes unangenehmes Gefuehl unter der Haut? Heiss wegduschen. Das funktioniert. Und wenn fuenf Minuten heisser Duschregen nicht helfen? Gut erhitzte Ganzkoerperwannenbaeder: Eintauchen, unter Wasser bleiben, Augen schliessen. Nur noch dumpfe Toene dringen durch. Heisses Wasser in der Nase, in den Ohren, in allen Poren. Es ist dunkel und weich hier unten unter der Oberflaeche. Dann wieder hochkommen. Luft holen, Licht.

Ich gebe zu, dass ich keine gute Schwimmerin bin. Seit ich mich bei der Seepferdchenpruefung kurz vor Ablauf der Zeit an den Beckenrand rettete und daraufhin von der Schwimmlehrerin angeschrieen wurde, bin ich traumatisiert. Konsequenterweise habe ich die Pruefung nie abgelegt. Und ehrlich gesagt: das Wasser war schon damals im Hallenbad unertraeglich kalt. Bereits als Zehnjaehrige leuchtete mir nicht ein, warum man sich in kaltem, chloriertem Wasser stupide von einer Beckenseite zur anderen bewegen sollte. Schon damals sass ich viel lieber bewegungslos im wohl temperierten [lies: vollgepinkelten] Babybecken.

Bei einem Urlaub in Thailand habe ich schliesslich meine ideale Existenzform im Wasser gefunden: Im badewannenwarmen tropischem Gewaesser floaten, mit dem Ruecken an der Oberflaeche fast bewegungslos im Wasser haengen, am besten mit Taucherbrille und Schnorchel. Und dann einfach das Ambient-Wasser-TV glotzen: Fisch von rechts, Schwarm von links, bunter Fisch halbrechts, usw. Ein paar leichte, rudernde Armbewegungen zur Richtungskorrektur, ansonsten bedarf es amphibischen Gleichmuts und viel Ausdauer.

Meine erste aesthetische Erfahrung mit Wasser habe ich sehr frueh gemacht. Damals habe ich erfahren, dass sich Wasser blau einfaerben kann. Und zwar mich. Offenbar habe ich bei meiner Geburt ein wenig amphibisch im Geburtskanal gehangen und war mir in dieser moeglicherweise als angenehm empfundenen Situation nicht bewusst, dass ich keiner Kiemenatmung faehig bin. Jedenfalls fand sich nach dem Auftauchen aus dem Dunkel des Kanals in meiner kleinen Lunge eine satte Ladung Gebaermutterwasser, das ich geschluckt hatte. Worauf ich ueberaus blaeulich angelaufen war und gurgelnd nach Luft schnappte. Angenehmerweise kann ich mich an diesen ersten Wasserkontakt selbst nicht erinnern, aber irgendwie erklaert er einige andere Vorkommnisse in meinem Leben, ueber die ich an dieser Stelle lieber schweige.

Wasser ist eigentlich am tollsten, wenn man es nicht sehen kann. Sondern nur hoeren. Im Hotelzimmer nachts am Meer. Der Regen an der Scheibe, wenn man im Bett liegt. Zu wissen, dass man trocken und geschuetzt ist, waehrend die Brandung draussen tobt. Das gleich bleibende Brausen des Wassers, die Wellen, die sich vor dem inneren Auge ueberschlagen, Gischt bildend, zischend, unaufhoerlich, ewig.

Aquarien fand ich immer langweilig, weil man sich ja zu den Fischen nicht reinlegen kann, so wie in tropischen Gewaessern. Bis ich eins geschenkt bekam und mich verpflichtet fuehlte, Aquarianerin zu werden. Schon der Erwartungen des Schenkenden wegen. Also wurde ich Stammkaeufer bei der Berliner Institution >Aquarien Meyer< am Kottbusser Tor, wo sich zu jeder Uhrzeit Aquarien-Junkies zwischen Pumpanlagen und Wasserfiltern herumdruecken. Ich setzte das Aquarium ordentlich an, pflanzte beflissen Gruenes, das sich sanft in der Stroemung des Abwasserfilters bewegte und fuegte schliesslich verschiedenste Fischlein hinzu.

Die ersten Generationen verstarben zuegig an absonderlichen Krankheiten, die mich zur Verzweiflung brachten. Nur Walter, der Wels, abgehaertet durch ein entbehrungsreiches Single-Leben am Untergrund, hielt durch und ueberlebte mehrere Gattungen und endlich sogar die selbststaendige Vervielfaeltigung einiger resistenter Mitbewohner. So gingen einige Jahre ins Land und Wasser. Dann verschieden leider ploetzlich und unerwartet alle Bewohner meines Aquariums aus bis heute unbekannten Gruenden. Untroestlich ob des Verlustes wurde der glaeserne Sarg in den Keller verbannt, wo er heute noch steht.

Gaebe es eine Parallele zwischen mir als Aquarianerin und meinem Beruf als Kuratorin, muesste ich letzteren an den Nagel haengen. Aber gluecklicherweise ist ein Aquarium keine Ausstellung, sondern eher eine lebende Lavalampe oder ein wunderbares Lehrstueck ueber unsere Unfaehigkeit, die Natur zu verstehen, in den Griff zu bekommen und zu reproduzieren. Eine Ausstellung, ein Kulturprogramm, ist organisierbar trotz sperriger Kuenstlercharaktere, finanzschwacher Institutionen und des uebersatten Kunstpublikums.

Es ist immer wieder eine neue Herausforderung, einen Aspekt unserer Welt aus der Perspektive der Kunst zu betrachten, eine Form dafuer zu finden, und in einen Austausch mit Kuenstlern und Publikum zu treten. Es ist, wenn auch ein wiederholter, so doch immer wieder neuer Prozess des Denkens und Erschaffens, des Formulierens und Gestaltens. Das Aquarium im Gleichgewicht zu halten, Pflanzen zum Wachsen zu bringen und Fische zur Vermehrung anzuregen, ist dagegen ein fast unmoegliches Unterfangen.

Das Konzept des Aquariums ist falsch, ueberholt, dysfunktional. Denn das Aquarium ist ein in sich geschlossenes Universum, es bietet keine Moeglichkeit der Kommunikation, des Austauschs. Es ist nicht Teil eines Ganzen oder eines Netzwerks. Wir koennen nicht in Kontakt treten, wir duerfen ab und zu fuettern und an die Scheibe klopfen. Die zeitgenoessische Kunst hat diesen Zustand gluecklicherweise ueberwunden. Sie steht nicht mehr isoliert und fuer sich im Museum, als auratisches Objekt, untouchable. Vitrinenkunst ist selten geworden. Das dicke Glas zwischen Objekt und Betrachter, zwischen Kuenstler und Gesellschaft ist weg. Kunst ist heute Alltag, hier und dort, auf deinem Desktop, unten auf der Strasse, in der Galerie nebenan. Jeder kann teilnehmen, in Interaktion treten. Kunst ist ein Prozess und wir sind mittendrin.